Kann man den Charakter am Gesicht erkennen?
Kurz gesagt. Nicht mit Sicherheit. Menschen urteilen in Sekundenbruchteilen über ein Gesicht. Wie treffsicher solche Urteile sind, wurde in der Forschung aber stark überschätzt. Das Siang Mien geht anders vor. Es unterscheidet Merkmale der angeborenen Persönlichkeit von solchen, die sich erst mit dem Charakter entwickeln. Auch ob ein Mensch seine Talente lebt, gilt dort als lesbar.
Von Stefan Schindl · Stand
Was die Forschung über den ersten Eindruck weiß
Menschen schließen seit jeher vom Aussehen auf das Wesen. In Versuchen an der Princeton University reichten hundert Millisekunden, um ein fremdes Gesicht als attraktiv, sympathisch, vertrauenswürdig, kompetent oder aggressiv einzuschätzen. Längere Betrachtung brachte die Urteile kaum näher an jene ohne Zeitlimit. Sie machte die Versuchspersonen vor allem sicherer.
Eine Übersichtsarbeit derselben Forschungsgruppe kam 2015 zu einem zweiten Befund. Bei solchen Eindrücken sind sich Menschen oft einig. Ihre Treffsicherheit sei in der Forschung aber stark überschätzt worden, schreiben die Autoren. Der erste Eindruck ist also schnell und oft geteilt. Verlässlich ist er deshalb noch nicht.
Gesichtszüge und die Reihenfolge des Lesens
Das Siang Mien ist eine chinesische Lesekunst, die seit Jahrtausenden überliefert wird. Es gehört zu dem, was im deutschen Sprachraum Gesichtlesen oder Face Reading heißt. Mit Gesichtszügen sind dort nicht nur Augen, Nase und Mund gemeint. Gelesen werden die Form des ganzen Gesichts, die Proportionen und einzelne Merkmale in jedem Bereich. In einem Gesicht stehen über 300 solcher Merkmale.
Stefan Schindl geht jedes Gesicht in derselben Reihenfolge durch. Zuerst nimmt er die Form des Gesichts und das Verhältnis der Teile zueinander. Danach folgen die Bereiche von oben nach unten: Stirn, Augenbrauen, Augen, Nase, Wangen, Ohren, Mund, Kiefer und Kinn. Dazu kommen Falten und Muttermale. Mehr dazu steht auf der Seite Welche Merkmale liest man beim Gesichtslesen?
- 01
Form und Proportionen
Das ganze Gesicht und wie die Teile zueinander stehen.
- 02
Stirn, Augenbrauen, Augen
Der obere Bereich, von oben nach unten.
- 03
Nase, Wangen, Ohren
Das Mittelgesicht und die Seiten.
- 04
Mund, Kiefer, Kinn
Der untere Bereich, dazu Falten und Muttermale.
Die feste Reihenfolge hat einen Grund. Wer bei einem auffälligen Gesichtszug beginnt, liest den Rest des Gesichts von dort aus. Das Ganze zuerst zu nehmen hält den Blick offen. Ein Gesichtszug allein sagt wenig. Erst zusammen gelesen ergeben die Merkmale ein Bild. Oft zeigen einzelne davon in verschiedene Richtungen. Stefan Schindl schreibt auf, was er liest, bevor die Person etwas über sich erzählt.
Zeigt das Gesicht die Persönlichkeit oder den Charakter?
Beides. In der Lehre, die Stefan Schindl bei seinem Mentor gelernt hat, sind das zwei verschiedene Dinge. Die Persönlichkeit ist das, womit ein Mensch auf die Welt kommt: seine Anlagen, bevor jemand etwas daraus geformt hat. Der Charakter entsteht danach, durch Eltern, Schule, Freunde, Arbeit und Beziehungen.
Im Siang Mien gilt, dass sich beides im Gesicht zeigt. Manche Merkmale gehören zur Persönlichkeit. Andere entwickeln sich erst mit dem Charakter. Ein Beispiel: Ein Gesicht zeigt eine empathische, feinfühlige Persönlichkeit mit viel Talent für Kommunikation. Dieser Mensch tut sich leicht im Umgang mit anderen. Muss er im Leben aber immer wieder kämpfen, entwickelt er einen Kampfgeist. Nach dieser Lehre kann sich mit den Jahren dann auch der Kiefer stärker ausprägen.
Im Gesicht stehen dann zwei Merkmale, die in verschiedene Richtungen zeigen. Im Reading liest Stefan Schindl heraus, ob ein Merkmal wie der Kiefer eher zur Persönlichkeit gehört oder zum Charakter.
| Persönlichkeit | Charakter | |
|---|---|---|
| Woher | Angeboren, die Anlagen eines Menschen | Entsteht danach durch Eltern, Schule, Freunde, Arbeit und Beziehungen |
| Im Gesicht | Merkmale, die von Anfang an da sind | Merkmale, die sich mit den Jahren ausprägen |
| Beispiel aus der Lehre | Eine feinfühlige Anlage mit Talent für Kommunikation | Ein Kiefer, der sich durch Kampfgeist stärker ausprägt |
Sieht man im Gesicht, ob jemand seine Talente lebt?
Nach dem Siang Mien lässt sich auch das lesen. Die Lehre unterscheidet, ob ein Mensch seine Talente gewinnend oder verlierend lebt. Gewinnend gelebte Talente geben Lebensenergie. Verlierend gelebte kosten Lebensenergie. Wer seine Talente überwiegend gewinnend lebt, zeigt oft eine gewinnende Mimik: eine offene Ausstrahlung und einen positiven Ausdruck. Wer sie eher verlierend lebt oder gar nicht, zeigt oft eine verlierende Mimik, zum Beispiel einen traurigen Ausdruck.
Was Menschen im Reading oft überrascht
Nach der Erfahrung von Stefan Schindl sind Menschen oft überrascht, wie viele Anlagen noch in ihnen stecken. Ein Beispiel ist Kreativität. Viele tragen dieses Talent in sich, haben es aber kaum gelebt, weil dafür bisher wenig Raum war.
Oft überrascht auch, wie unterschiedlich jemand angelegt ist. Das Siang Mien spricht dann von Gegensätzen. Viele spüren sie als innere Stimme, konnten sie aber nie richtig festmachen. Manche haben sich deshalb selbst nicht gut verstanden. Im Reading zeigt sich, dass beide Seiten angelegt sind und zur Persönlichkeit gehören. Nach seiner Erfahrung verstehen viele dadurch besser, warum sie sich in manchen Situationen so unterschiedlich erleben.
Was Gesichtslesen nicht kann
Ein Reading sagt nichts über die Zukunft. Es sieht kein Schicksal, keine Bestimmung und keine Krankheit. Es ersetzt keine Psychotherapie, keine Lebens- und Sozialberatung und keine medizinische Diagnose. Gesichtslesen ist keine Wissenschaft. Keine Studie belegt seine Aussagen.
Gesichter anderer Menschen liest Stefan Schindl nur mit deren Wissen. Wer ein fremdes Gesicht beurteilen lassen will, um über diesen Menschen zu entscheiden, ist bei ihm an der falschen Stelle.
Wozu ein Reading dient
Ein Reading dient der Selbsterkenntnis. Was die Person mit dem Gelesenen macht, entscheidet sie selbst. Wie ein Reading abläuft und was es kostet, steht auf der Seite Gesichtslesen nach Siang Mien.
Fragen
Sagt ein einzelnes Merkmal etwas über den Charakter aus?
Was zählt beim Gesichtslesen zu den Gesichtszügen?
Warum liest Stefan Schindl, bevor die Person etwas erzählt?
Weiterlesen
- Welche Merkmale liest man beim Gesichtslesen?
- Was kostet ein Face Reading?
- Angebot, Ablauf und Kosten
- Anfrage für ein Reading
Quellen
- Willis und Todorov: First impressions: Making up your mind after a 100-ms exposure to a face. Psychological Science, Jahrgang 17, 2006, Seiten 592 bis 598. doi.org/
10.1111/ j.1467-9280.2006.01750.x - Todorov, Olivola, Dotsch und Mende-Siedlecki: Social attributions from faces. Annual Review of Psychology, Jahrgang 66, 2015, Seiten 519 bis 545. doi.org/
10.1146/ annurev-psych-113011-143831