Stefan Schindl, Der Offizier
Gesichtslesen erklärt
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Gesichtslesen, Mimik, Körpersprache: Wo liegt der Unterschied?

Kurz gesagt. Gesichtslesen betrachtet Formen und Proportionen des Gesichts, also Merkmale, die sich nur langsam verändern. Mimik ist die Bewegung der Gesichtsmuskeln im Augenblick. Körpersprache umfasst Haltung, Gesten und Bewegungen des ganzen Körpers. Alle drei gehören zur Wahrnehmung von Menschen. Sie beantworten verschiedene Fragen und beruhen auf verschiedenen Grundlagen.

Von Stefan Schindl · Stand


Gesichtslesen: Formen und Proportionen

Gesichtslesen nach Siang Mien liest Merkmale, Formen und Proportionen: Stirn, Augen, Mittelgesicht, Mund, Kinn und wie alles zueinander steht. Auch Ohren, Falten und Muttermale gehören dazu. Das Siang Mien ist eine Lehre mit einer Überlieferung von rund dreitausend Jahren. Es beschreibt Veranlagung, keine Vorhersage. Gesichtslesen ist keine Wissenschaft.

Weil sich diese Merkmale nur langsam verändern, genügen für ein Reading drei Fotos. Das Gesicht muss dafür nicht in Bewegung sein.


Mimik: Bewegung im Augenblick

Mimik ist die sichtbare Bewegung der Gesichtsmuskeln: ein Lächeln, ein Stirnrunzeln, ein kurzes Heben der Augenbrauen. Sie wechselt von Augenblick zu Augenblick.

Die Forschung beschreibt Mimik häufig mit dem Facial Action Coding System, kurz FACS. Paul Ekman und Wallace Friesen haben es 1978 veröffentlicht. Es zerlegt jede Bewegung in einzelne Aktionseinheiten, etwa das Heben der inneren Augenbrauen oder das Hochziehen der Mundwinkel. Das System beschreibt, welche Muskeln sich bewegen. Was eine Bewegung bedeutet, legt es nicht fest.


Lassen sich Gefühle an der Mimik ablesen?

Häufig wird angenommen, Gefühle ließen sich zuverlässig an der Mimik erkennen. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019 hat die Forschung dazu geprüft. Menschen lächeln öfter, wenn sie sich freuen. Wer wütend ist, schaut öfter finster. Das kommt häufiger vor, als der Zufall erwarten ließe.

Wie Menschen Gefühle zeigen, unterscheidet sich jedoch stark zwischen Kulturen, Situationen und einzelnen Personen. Ähnliche Bewegungen können zu verschiedenen Gefühlen gehören. Ein finsterer Blick drückt oft gar kein Gefühl aus, zum Beispiel wenn jemand angestrengt nachdenkt. Eine Bewegung allein verrät also nicht verlässlich, was jemand fühlt.


Körpersprache: Haltung und Gesten

Körpersprache umfasst Haltung, Gesten, Bewegungen, Blickkontakt und den Abstand zu anderen. Auch sie zeigt den Augenblick und hängt von Situation und Kultur ab. Verschränkte Arme können Ablehnung bedeuten. Ebenso kann jemand frieren oder einfach bequem sitzen.

Oft heißt es, nur sieben Prozent einer Botschaft lägen in den Worten. Die Zahl geht auf zwei Versuche von Albert Mehrabian aus dem Jahr 1967 zurück. Darin ging es um einzelne gesprochene Wörter, die Zuneigung oder Ablehnung ausdrückten. Mehrabian selbst schreibt, dass seine Rechnung nicht gilt, wenn jemand nicht über Gefühle oder Einstellungen spricht.


Wo sich Gesichtslesen und Mimik berühren

Wiederholte Mimik prägt mit den Jahren das Gesicht, etwa durch Lachfalten um die Augen. Falten gehören zu den Merkmalen, die nach Siang Mien gelesen werden.

Auch die Mimik selbst hat im Siang Mien einen Platz. Die Lehre unterscheidet, ob ein Mensch seine Talente gewinnend oder verlierend lebt. Wer sie überwiegend gewinnend lebt, zeigt oft eine gewinnende Mimik mit offener Ausstrahlung. Wer sie eher verlierend lebt, zeigt oft eine verlierende Mimik. Mehr dazu steht auf der Seite Kann man den Charakter am Gesicht erkennen?


Fragen

Ist Face Reading dasselbe wie eine Mimikanalyse?
Nein. Eine Mimikanalyse beobachtet, wie sich ein Gesicht bewegt. Face Reading nach Siang Mien liest Merkmale, Formen und Proportionen, die sich nur langsam verändern.
Kann man an der Mimik sicher erkennen, was jemand fühlt?
Nicht sicher. Menschen zeigen Gefühle je nach Kultur, Situation und Person unterschiedlich. Dieselbe Bewegung kann Verschiedenes bedeuten.
Ist Körpersprache wichtiger als Worte?
Nicht allgemein. Die oft genannten Prozentzahlen stammen aus Versuchen mit einzelnen Wörtern, die Zuneigung oder Ablehnung ausdrückten. Für Gespräche im Allgemeinen gelten sie nicht.

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Quellen

  • Barrett, Adolphs, Marsella, Martinez und Pollak: Emotional expressions reconsidered: challenges to inferring emotion from human facial movements. Psychological Science in the Public Interest, Jahrgang 20, 2019, Seiten 1 bis 68. doi.org/10.1177/1529100619832930
  • Ekman und Friesen: Facial Action Coding System. Consulting Psychologists Press, Palo Alto 1978.
  • Mehrabian und Wiener: Decoding of inconsistent communications. Journal of Personality and Social Psychology, Jahrgang 6, 1967, Seiten 109 bis 114. doi.org/10.1037/h0024532
  • Mehrabian und Ferris: Inference of attitudes from nonverbal communication in two channels. Journal of Consulting Psychology, Jahrgang 31, 1967, Seiten 248 bis 252. doi.org/10.1037/h0024648
  • Albert Mehrabian: Erläuterung zu Silent Messages auf seiner Website. kaaj.com

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