Stefan Schindl, Der Offizier
Gesichtslesen erklärt
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Kann eine App oder KI ein Gesicht lesen?

Kurz gesagt. Eine App kann Merkmale eines Gesichts vermessen. Den Charakter eines Menschen verlässlich bestimmen kann sie nicht. In einer großen Studie sagten neuronale Netze Persönlichkeitswerte aus Fotos nur in geringem Maß voraus. Das EU-Recht verbietet bestimmte Auswertungen von Gesichtern durch KI. Ein Reading ist etwas anderes: Ein Mensch liest das Gesicht und bespricht es mit der Person.

Von Stefan Schindl · Stand


Was Apps und KI-Programme mit Gesichtsfotos machen

Es gibt Apps, die versprechen, aus einem Foto die Persönlichkeit abzulesen. Technisch vermessen sie Abstände, Formen und Proportionen. Oder sie werten das Foto mit Modellen aus, die an großen Bildsammlungen trainiert wurden. Auch KI-Assistenten, die Bilder verarbeiten, beschreiben auf Wunsch ein Gesicht. Das Ergebnis ist eine Einschätzung auf Grundlage von Mustern. Worauf sie im Einzelnen beruht, ist für die Nutzer meist nicht nachvollziehbar.


Was die Forschung zeigt

Eine Studie aus dem Jahr 2020 wertete 31.367 Fotos von 12.447 Freiwilligen aus. Neuronale Netze sollten aus den Fotos Persönlichkeitswerte vorhersagen, die die Teilnehmer zuvor selbst angegeben hatten. Ein Zusammenhang war messbar, aber gering. Im Mittel lag der Wert bei 0,24. Ein vollständiger Zusammenhang hätte den Wert 1. Mehrere Autoren arbeiteten für das Unternehmen, das die Daten bereitgestellt hatte.

Eine Übersichtsarbeit von 2015 kam zu einem ähnlichen Befund für Eindrücke von Menschen. Wie treffsicher Urteile aus Gesichtern sind, wurde demnach lange stark überschätzt.


Was das EU-Recht regelt

Die europäische KI-Verordnung verbietet seit dem 2. Februar 2025 bestimmte Anwendungen. Dazu gehört, mit KI die Gefühle von Menschen am Arbeitsplatz oder in Bildungseinrichtungen zu erkennen, außer aus medizinischen oder Sicherheitsgründen. Verboten ist auch, Menschen anhand biometrischer Daten nach Merkmalen wie politischer Einstellung, Religion oder sexueller Ausrichtung einzuordnen.


Worauf man bei Fotos achten sollte

Ein Foto des eigenen Gesichts zählt zu den personenbezogenen Daten. Wer es in eine App oder ein KI-Programm lädt, sollte vorher prüfen, wo das Bild gespeichert wird. Wichtig ist auch, ob der Anbieter es für andere Zwecke nutzt, etwa zum Trainieren seiner Programme.


Was ein Reading anders macht

Bei einem Reading liest ein Mensch das Gesicht und bespricht das Gelesene mit der Person. Stefan Schindl geht jedes Gesicht in einer festen Reihenfolge durch. Die Person kann nachfragen, widersprechen und selbst entscheiden, was sie mitnimmt.

Die Fotos für das Reading speichert er auf seinem Computer in einem Ordner, der mit keinem Cloud-Dienst abgeglichen wird. Er lädt sie in keine App und in kein KI-Programm. Er gibt sie an niemanden weiter. Gesichtslesen ist dabei keine Wissenschaft. Auch ein Reading ersetzt keine Diagnose und keine Beratung.


Fragen

Ist eine KI-Gesichtsanalyse genauer als ein Mensch?
Dafür gibt es keinen Beleg. Die bisherige Forschung findet für Maschinen wie für Menschen nur geringe Zusammenhänge zwischen Gesicht und gemessener Persönlichkeit.
Darf ein Arbeitgeber Gesichter von einer KI auswerten lassen?
Gefühle von Beschäftigten mit KI zu erkennen, ist in der EU seit Februar 2025 verboten, außer aus medizinischen oder Sicherheitsgründen. Gesichtslesen ist ohnehin kein Werkzeug, um über andere Menschen zu entscheiden.

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Quellen

  • Kachur, Osin, Davydov, Shutilov und Novokshonov: Assessing the Big Five personality traits using real-life static facial images. Scientific Reports, Jahrgang 10, 2020, Artikel 8487. doi.org/10.1038/s41598-020-65358-6
  • Todorov, Olivola, Dotsch und Mende-Siedlecki: Social attributions from faces. Annual Review of Psychology, Jahrgang 66, 2015, Seiten 519 bis 545. doi.org/10.1146/annurev-psych-113011-143831
  • Verordnung (EU) 2024/1689 über künstliche Intelligenz, Artikel 5 und Artikel 113. eur-lex.europa.eu

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