Stefan Schindl, Der Offizier
Gesichtslesen erklärt
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Woher kommt das chinesische Gesichtslesen?

Kurz gesagt. Das Gesichtslesen in China ist alt. Frühe Erwähnungen stehen in der Chronik Zuo Zhuan und bei dem Philosophen Xunzi, der im 3. Jahrhundert vor Christus dagegen schrieb. Lehrbücher sind vor allem aus der Ming- und der Qing-Zeit erhalten. Genutzt wurde die Kunst lange zur Deutung von Glück und Schicksal.

Von Stefan Schindl · Stand


Frühe Erwähnungen

Die Chronik Zuo Zhuan wurde wohl im 4. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben. Sie erzählt von Ereignissen früherer Jahrhunderte. In einer Szene aus dem Jahr 626 vor Christus stellt ein Beamter seine beiden Söhne einem Hofschreiber vor, weil dieser Menschen lesen kann. Der Hofschreiber deutet die Gesichter der Kinder und sagt beiden ein unterschiedliches Leben voraus.

Im 3. Jahrhundert vor Christus widmete der Philosoph Xunzi dem Thema ein eigenes Kapitel. Sein Titel heißt übersetzt Gegen die Physiognomie. Xunzi hielt nichts davon. Die Gestalt zu deuten, sei weniger wert, als das Herz zu beurteilen, schrieb er. Er nennt auch zwei bekannte Gesichtsleser seiner Zeit. Daran zeigt sich, wie verbreitet die Kunst damals war.


Handbücher und Kataloge

Der Bücherkatalog der Han-Zeit verzeichnet ein Werk mit dem Titel Menschen lesen in 24 Rollen. Es ist verloren. Aus der Tang-Zeit sind Handschriften zur Gesichtsdeutung erhalten. Sie stammen aus dem Höhlenarchiv von Dunhuang.

Die Lehrbücher, die heute bekannt sind, liegen in ihrer überlieferten Form überwiegend in Fassungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert vor. Dazu gehören das Mayi shenxiang 麻衣神相 und das Shenxiang quanbian 神相全編. Oft wurden solche Bücher älteren Meistern zugeschrieben. Das gab ihnen Gewicht. In die kaiserliche Bibliothekssammlung des 18. Jahrhunderts kamen vier Werke zur Gesichtsdeutung.


Wofür es genutzt wurde

In China war das Gesichtslesen lange eine Kunst der Schicksalsdeutung. Gelesen wurde, um Glück und Unglück einzuschätzen, etwa als Rat in politischen Fragen. Genau dagegen richtet sich auch Xunzis Kritik. Eine Lehre von der Persönlichkeit im heutigen Sinn war es damals nicht.

In Europa gab es eine eigene Überlieferung mit eigenen Texten. Mehr dazu steht auf der Seite Physiognomik, Psycho-Physiognomik und Siang Mien: Was ist was?


Was davon heute bleibt

Die Kunst wurde über Jahrhunderte von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Im deutschen Sprachraum heißt sie oft Siang Mien, nach einer älteren Umschrift der Schriftzeichen 相面. Mehr zu den Begriffen steht auf der Seite Gesichtlesen oder Gesichtslesen?

Stefan Schindl lernt bei einem Mentor, der das Face Reading in Österreich und Deutschland lehrt. Er liest Veranlagungen und Talente. Vorhersagen gehören nicht dazu. Gesundheitliche Fragen beantwortet ein Reading nicht. Gesichtslesen ist keine Wissenschaft. Mehr dazu steht auf der Seite Kann man den Charakter am Gesicht erkennen?


Fragen

Wie alt sind die schriftlichen Belege?
Sie reichen mehr als zweitausend Jahre zurück. Die Chronik Zuo Zhuan wurde wohl im 4. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben. Xunzis Kritik stammt aus dem 3. Jahrhundert vor Christus.
Stammt das Gesichtslesen aus dem Daoismus?
Das ist nicht belegt. Einzelne Lehrbücher werden daoistischen Meistern zugeschrieben. Solche Zuschreibungen entstanden aber oft erst lange nach deren Lebenszeit.
Gibt es die alten Lehrbücher noch?
Ja, in Fassungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Das Werk aus dem Bücherkatalog der Han-Zeit ist dagegen verloren.
Wurde das Gesichtslesen in China immer anerkannt?
Nein. Schon Xunzi schrieb im 3. Jahrhundert vor Christus dagegen. Zugleich war die Kunst verbreitet genug, dass er sich mit ihr auseinandersetzte.

Weiterlesen


Quellen

  • Zuo Zhuan, Herzog Wen, erstes Jahr, chinesischer Originaltext. zh.wikisource.org
  • Xunzi, Kapitel Fei Xiang, chinesischer Originaltext. zh.wikisource.org
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy: Xunzi. plato.stanford.edu
  • Hanshu, Kapitel 30, Bücherkatalog der Han-Zeit, chinesischer Originaltext. zh.wikisource.org
  • Xing Wang: Fortune and the Body. Physiognomy in Ming China. Dissertation, University of Oxford 2017. doi.org/10.5287/ora-amv4apxr8
  • Livia Kohn: A Textbook of Physiognomy. The Tradition of the Shenxiang quanbian. Asian Folklore Studies, Jahrgang 45, 1986, Seiten 227 bis 258. jstor.org

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