Stefan Schindl, Der Offizier
Gesichtslesen erklärt
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Physiognomik, Psycho-Physiognomik und Siang Mien: Was ist was?

Kurz gesagt. Physiognomik nennt man den Versuch, vom Äußeren eines Menschen auf sein Wesen zu schließen. In Europa reicht sie bis in die Antike. Die Psycho-Physiognomik ist eine Lehre, die Carl Huter um 1900 begründete. Siang Mien ist die ältere deutsche Umschrift für das chinesische Gesichtslesen. Keine der drei Richtungen ist wissenschaftlich bestätigt.

Von Stefan Schindl · Stand


Physiognomik: vom Äußeren auf das Wesen

Das Wort Physiognomik verbindet die griechischen Wörter für Natur und Erkenntnis. Gemeint ist der Versuch, aus Gesicht und Körperform auf den Charakter eines Menschen zu schließen. Physiognomie heißt dagegen einfach das Erscheinungsbild.

Eine Schrift mit dem Titel Physiognomonika wurde unter dem Namen des Aristoteles überliefert. Sie stammt aber wohl aus seiner Schule im 3. Jahrhundert vor Christus. Im Jahr 1586 veröffentlichte Giambattista della Porta ein Buch, in dem er menschliche Gesichter mit Tierköpfen verglich.

Bekannt wurde die Physiognomik durch den Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater. Seine Physiognomischen Fragmente erschienen von 1775 bis 1778 in vier Bänden. Der Göttinger Physiker Georg Christoph Lichtenberg widersprach ihm 1778 in einer eigenen Schrift. Er trennte die festen Gesichtszüge von den beweglichen Zeichen der Gefühle. Nur deren Deutung hielt er für begründbar. Diese Trennung entspricht dem Unterschied zwischen Gesichtslesen und Mimik.

Oft verwechselt wird die Physiognomik mit der Phrenologie. Der Arzt Franz Joseph Gall hielt ab 1796 in Wien Vorlesungen über seine Schädellehre, bis sie 1801 verboten wurden. Er wollte geistige Eigenschaften an der Form des Schädels ablesen.


Wie die Physiognomik missbraucht wurde

Die Physiognomik blieb nicht harmlos. Schon Lavaters Fragmente enthalten pauschale Aussagen über ein angeblich jüdisches Gesicht, teils in seinen eigenen Worten. Im Jahr 1876 veröffentlichte der italienische Psychiater Cesare Lombroso ein Buch, in dem er Verbrecher an körperlichen Merkmalen erkennen wollte.

Im 20. Jahrhundert diente die Physiognomik Rassenlehren als Stütze. Hans F. K. Günther veröffentlichte 1922 seine Rassenkunde des deutschen Volkes, die bis 1942 in 16 Auflagen erschien. Antisemitische Propaganda schloss von angeblichen Merkmalen wie der Nase auf den Charakter. Die nationalsozialistische Propagandaschrift Der Giftpilz von 1938 zeigte solche Stereotype in Bildern.

Auch heute taucht die Idee wieder auf. Forschende haben Studien, die per KI aus Fotos auf Kriminalität oder sexuelle Orientierung schließen wollten, als neue Form der Physiognomik kritisiert. Mehr dazu steht auf der Seite Kann eine App oder KI ein Gesicht lesen?

Aus dieser Geschichte folgt für Stefan Schindl eine klare Grenze. Er liest im Gesicht keine Herkunft, keine Religion, keine sexuelle Orientierung und keine Gesundheit. Gesichter anderer Menschen liest er nur mit deren Wissen.


Psycho-Physiognomik nach Carl Huter

Die Psycho-Physiognomik geht auf Carl Huter zurück. Er lebte von 1861 bis 1912, stammte aus Heinde bei Hildesheim und war Porträtmaler. Sein Hauptwerk erschien um 1905 unter dem Titel Menschenkenntnis. Huter verband darin Physiognomik und Schädellehre. Aus Körperbau, Kopf und Gesicht wollte er auf den Charakter schließen. Er unterschied drei Grundtypen, die er Ernährungs-, Bewegungs- und Empfindungsnaturell nannte.

Huter stützte sich auf europäische Vorläufer wie Lavater, Gall und die Forschung zum Gesichtsausdruck. Bezüge zum chinesischen Gesichtslesen sind in den Quellen nicht belegt. Seine Lehre umfasste auch Aussagen zur Gesundheit. Um Gesundheit geht es beim Siang Mien, wie Stefan Schindl es liest, nicht.


Siang Mien: die chinesische Überlieferung

Siang Mien gibt die chinesischen Schriftzeichen 相面 in einer älteren deutschen Umschrift wieder. Mehr zu den Begriffen steht auf der Seite Gesichtlesen oder Gesichtslesen?

Frühe Erwähnungen finden sich in der Chronik Zuo Zhuan, die wohl im 4. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben wurde. Sie schildert eine Begebenheit aus dem Jahr 626 vor Christus, in der ein Hofschreiber die Gesichter zweier Söhne liest. Im 3. Jahrhundert vor Christus schrieb der Philosoph Xunzi ein ganzes Kapitel gegen das Gesichtslesen. Die Gestalt zu deuten, sei weniger wert, als das Herz zu beurteilen, meinte er. Schriftliche Zeugnisse reichen also mehr als zweitausend Jahre zurück.

Der Großteil der heute bekannten Lehrbücher liegt in Fassungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert vor. Oft wurden sie älteren Meistern zugeschrieben. Historisch diente das Gesichtslesen in China auch der Deutung von Glück und Schicksal. Stefan Schindl liest nach Siang Mien Veranlagungen und Talente. Vorhersagen gehören nicht dazu.


Was die Forschung sagt

Menschen bilden sich aus einem Gesicht sehr schnell einen Eindruck und sind sich dabei oft einig. Über den tatsächlichen Charakter verraten solche Eindrücke laut der Forschung aber wenig. Für Physiognomik, Psycho-Physiognomik und Siang Mien gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis. Mehr dazu steht auf der Seite Kann man den Charakter am Gesicht erkennen?


Fragen

Ist Siang Mien dasselbe wie Physiognomik?
Nicht ganz. Physiognomik ist der europäische Begriff für den Schluss vom Äußeren auf das Wesen. Siang Mien bezeichnet die chinesische Überlieferung des Gesichtslesens mit eigenen Texten und Begriffen.
Was unterscheidet Physiognomik und Phrenologie?
Die Physiognomik deutet Gesicht und Körperform. Die Phrenologie wollte geistige Eigenschaften an der Form des Schädels ablesen. Die Forschung hat beide nicht bestätigt.
Hat die Psycho-Physiognomik chinesische Wurzeln?
Das ist nicht belegt. Carl Huter stützte sich auf europäische Vorläufer wie Lavater und Gall.
Wie alt ist das chinesische Gesichtslesen?
Schriftliche Zeugnisse reichen mehr als zweitausend Jahre zurück. Schon im 3. Jahrhundert vor Christus schrieb der Philosoph Xunzi ein Kapitel dagegen.

Weiterlesen


Quellen

  • Johann Caspar Lavater: Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Vier Bände, Leipzig und Winterthur 1775 bis 1778. deutschestextarchiv.de
  • Historisches Lexikon der Schweiz: Lavater, Johann Kaspar. hls-dhs-dss.ch
  • Georg Christoph Lichtenberg: Ueber Physiognomik; wider die Physiognomen. Göttingen 1778. archive.org
  • Neue Deutsche Biographie: Gall, Franz Joseph. deutsche-biographie.de
  • Dizionario Biografico degli Italiani: Lombroso, Cesare. treccani.it
  • Deutsche Biographie: Günther, Hans F. K.. deutsche-biographie.de
  • Wolfgang Benz: Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. Bundeszentrale für politische Bildung. bpb.de
  • SLUB Dresden: Der Giftpilz, Stigmatisierung und Hass als Lernziel. slub-dresden.de
  • Blaise Agüera y Arcas, Margaret Mitchell und Alexander Todorov: Physiognomy’s New Clothes. 2017. medium.com
  • Gemeinsame Normdatei der Deutschen Nationalbibliothek: Huter, Carl. lobid.org
  • Zuo Zhuan, Herzog Wen, chinesischer Originaltext. zh.wikisource.org
  • Xunzi, Kapitel Fei Xiang, chinesischer Originaltext. zh.wikisource.org
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy: Xunzi. plato.stanford.edu
  • Xing Wang: Fortune and the Body. Physiognomy in Ming China. Dissertation, University of Oxford 2017. doi.org/10.5287/ora-amv4apxr8
  • Todorov, Olivola, Dotsch und Mende-Siedlecki: Social attributions from faces. Annual Review of Psychology, Jahrgang 66, 2015, Seiten 519 bis 545. doi.org/10.1146/annurev-psych-113011-143831

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